Viel Gut Essen


Weiß, heterosexuell und körperlich gesund, mit Ehefrau und Sohn und einem eigentlich ganz guten Job als Informatiker: ein Mittelschichtsmann Mitte 40, der ziemlich zufrieden ist mit sich selbst - und ungeheuer unzufrieden mit allen und allem um sich herum. Ja, wieso denn bloß diese Wut? "Das wird man wohl noch sagen dürfen!" ist ein immer öfter gehörtes Zitat aus der vermeintlichen Mitte der Gesellschaft, die sich mehr und mehr radikalisiert. Früher hörte man vereinfachende Parolen zu später Stunde am Stammtisch, heute vor allem in Internetforen oder als Online-Kommentare im Netz. Vielfach frustrierte und verängstigte Typen, die sich in reaktionären oder chauvinistischen Postings, bis hin zu Hasskommentaren, Luft machen. Der Troll schwadroniert, schimpft und räsoniert - über den Zustand der Gesellschaft, Eurokrise, Homo-Ehe, Feminismus und Migration. Meist geht es gegen simple Feindbilder: Migranten, Pendler, Fahrradfahrer, Straßenbahnen, Flüchtlinge, Frauen, FeministInnen, IT-Nerds, Homosexuelle, Juden, Muslime, Arbeitslose, Hipster, Veganer, Naturschützer, Berufspolitiker... Sind wir einfachen Bürger, die hier geboren wurden, nur kleine Maschinen, die konsumieren, die Fresse halten und beizeiten abtreten sollen, damit wir keine Kosten verursachen? Das kann es doch nicht gewesen sein! "Volkes Stimme" meldet sich hier zu Wort...

Sybille Berg rückt in ihrem 2014 entstandenen Text humorvoll und spitzzüngig in den Blick, was nicht erst seit heute schwelt. Sie lässt einen erschreckend normalen Verlierer sprechen, dem qua Geburt das Gewinnen doch fest versprochen war. "Viel gut essen" ist immer wieder scham- und schonungslos, zynisch und provokant, aber es ist mindestens ebenso oft melancholisch. Das Stück ist oft brüllend komisch, aber dann auch wieder todtraurig. Und so hat man zwischendurch sogar Mitleid mit dem rechtspopulistischen Jedermann, manchmal sogar Verständnis für ihn. Die Süddeutsche Zeitung schrieb zur Uraufführung Ende 2014: "Sibylle Bergs Stück ist (...) ein gekonnt widerwärtiger Blick in die mentalen Abgründe eines Menschen, der in gewählten Worten nachplappert, was im nationalen Denkdunst an billigen Schuldzuweisungen gärt. Das Beängstigende an diesem Monolog ist, wie er wohlformuliert um Verständnis wirbt". Bleibt am Schluss die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir denn nun eigentlich leben?

Mit: Nickel Bösenberg, Pitt Simon, Marly Marques
Regie: Anne Simon
Assistenz: Nadia Masri
Bühne: Anouk Schiltz
Dramaturgie: Sarah Rock
Koproduktion: Kasemattentheater, Théâtre d'Esch, KHN
Mit der Unterstützung von: Ville de Luxembourg, Ministère de la Culture, FOCUNA

Représentations

sa 06 janvier 2018 20:00
di 07 janvier 2018 17:00

Lieu

Kulturhaus Niederanven
145 ROUTE DE TREVES
L-6940 NIEDERANVEN
Luxembourg

Tickets
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